Herausgeber:
Metropolis Verlag
Erscheinungsdatum:
30.06.2021
Fiktionen und Narrationen spielen in der Ökonomie in unterschiedlichen Formen eine zentrale Rolle, sei es als große Erzählungen' oder Metaphern in der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie, als Zukunftserwartungen spekulativ handelnder Akteure, als Renditeversprechen von Aktiengesellschaften, als Werbemaßnahmen von Finanzdienstleistern, in Prognosen wirtschaftlicher Entwicklungen, in der Legitimation politischer Maßnahmen oder, ganz grundlegend, im Mechanismus der Wertzuschreibung des Geldmediums. Anders als literarische Fiktionen, die im Modus des Als-Ob operieren, sind ökonomische Fiktionen in der Regel darauf angelegt, Erwartungen und Wünsche so zu behandeln, als sei es gewiss, dass diese Realität werden. Der Verzicht auf den Einsatz expliziter Fiktionssignale in ökonomischen Narrativen bewirkt darüber hinaus, dass nicht allein der fiktionale Status des Dargestellten verschleiert wird, sondern auch, dass zuweilen nicht einmal überdeutliche Fiktionssignale wie Merkmale des Wunderbaren bzw. Märchenhaften als solche wahrgenommen werden. Der vorliegende Band bietet interdisziplinäre Perspektiven auf Aspekte der Fiktionalität und Narrativität in der Ökonomie, die bislang kaum untersucht wurden. Bedeutet jede Form der Narrativierung immer schon einen Grad an Fiktionalisierung? Inwiefern gibt es hier graduelle Unterschiede? Und wie lassen sich unterschiedliche ökonomische Fiktionen in diesem Kontext differenziert beschreiben und einordnen?
Inhalt:
Christine Künzel und Birger P. Priddat: Vorwort
Dirk Baecker: Negation und Imagination im Kalkül der Wirtschaft
Till Breyer: Poesie und Papiergeld. Zur Literatur- und Theoriegeschichte ökonomischer Fiktionen (Goethe, Keller, Walras, Friedman)
Wolf Dieter Enkelmann: Die Kunst, Zukunft zu denken zwischen Selbstbehauptungsbedürfnissen, Fortschrittsglauben und Klimakrise
Julia Genz: Hypertrophes Erzählen. Narration und Ökonomie als evoluierende Systeme am Beispiel von Nikolai Gogols Die toten Seelen und William Gaddis' JR
Steffen W. Groß: Das Ende der 'Großen Erzählung'? Die Ökonomik als Beleg für die nachhaltige Anziehungskraft, Persistenz und Performanz von Meta-Narrativen
Christine Künzel: Narrative Deals: Ökonomisches Storytelling als confidence game
Maximilian Locher: Geschlossene offene Zukunft? Über die Medienverhältnisse der Öffnung und Schließung der Zukunft in der Ökonomie
Ernst Mohr: Das Schweigen der Dingwelt und sein ökonomischer Widerhall
Günther Ortmann: Tom & Jerry. Über notwendige Fiktionen
Walter Otto Ötsch: Narration und Imagination. Die Rolle von imaginierten Bildern in der Geschichte der Wirtschaftstheorie
Birger P. Priddat: Was erwarten wir alles von der Erwartung? Über das Verhältnis von Erwartung, Spekulation, Imagination, Fiktion, Hoffnung, Narration und Kalkül in der Ökonomie
Michael Seewald: Performativity, Reflexivity, Contingency. Why Fiction and Narrative Are Essential To Keep Financial Markets Going
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